Warum haben die eigentlich nicht mitgemacht?

- 30 polnische und Paderborner Schülerinnen und Schüler beschäftigten sich mit der Biografie von Polen, die im Zeitraum 1933 - 1945 Juden vor der Ermordung retteten und sich der deutschen Besatzung widersetzten -

Was bewegte und befähigte Menschen, unter Einsatz ihres eigenen Lebens Juden im zweiten Weltkrieg vor der Ermordung durch die deutsche Besatzung in Polen zu retten? 15 Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Erhard-Berufskollegs des Kreises Paderborn und des Wirtschaftsgymnasiums im polnischen Radom gingen mit ihren Lehrkräften dieser Frage nach. Sie beschäftigten sich mit den Biographien dieser Lebensretter und führten Gespräche mit Zeitzeugen. Ihre Antwort auf die Frage „Warum haben die eigentlich nicht mitgemacht“ haben sie in Form einer Ausstellung dokumentiert, die noch bis zum 8. Juli im Pädagogischen Forum des Ludwig-Erhard-Berufskollegs in Paderborn zu sehen ist.

Eröffnet wurde die Ausstellung zunächst im Burgsaal der Wewelsburg durch den stellvertretenden Landrat des Kreises Paderborn, Vinzenz Heggen. „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird“. Dieses Zitat von Albert Schweitzer sollte jeder zum Anlass nehmen, sich die Frage zu stellen, ob er oder sie die Zivilcourage aufbringen würde, bestimmten Entwicklungen, die sich mit dem Postulat der Menschlichkeit nicht vereinbaren ließen, ein vernehmbares „Nein“ entgegenzusetzen, sagte Heggen. Der Blick in die Geschichte, aber auch auf die aktuellen innenpolitischen Entwicklungen in Deutschland und in Europa zeigten, dass zwischen Anspruch und Wirklichkeit nicht selten eine Lücke klaffe. Heggen dankte den Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften für dieses Projekt, das die Jugend zweier Nationen zusammenführe. „Es macht mit Blick auf die Zukunft Europas Mut, wenn sich junge Menschen aus verschiedenen Ländern durch gemeinsame Projekte mit ihrer Geschichte kritisch auseinandersetzen und auf der Basis der gewonnen Erkenntnisse ihre eigene Position in einer demokratischen Gesellschaft finden und so einen wichtigen Beitrag zur Friedenssicherung in Europa leisten“, sagte Heggen wörtlich.

„Die teilnehmenden Schülerinnen und Schüler sollten ein Gespür dafür bekommen, wann und wie Diskriminierung beginnt“, sagt Christoph Marx, Geschichtslehrer am Ludwig-Erhard-Berufskolleg. Schüler und Lehrkräfte des Ludwig-Erhard-Berufskollegs reisten im April 2016 ins polnische Radom zu einer gemeinsamen Projektwoche mit dem dortigen Wirtschaftsgymnasium. Durch Zeitzeugengespräche und Quellenstudium näherten sie sich der Thematik. Biographien von Menschen, die Juden halfen, wurden ausgewertet, um Motive und Handlungen zu erforschen. Sie hörten von Ärzten, die kostenlos Medikamente an Juden verteilten, die eigentlich für die deutsche Bevölkerung bestimmt waren. Von Behördenmitarbeitern, die falsche Papiere ausstellten, damit die Verfolgten unter einer anderen Identität überleben konnten. Im Juni reisten die polnischen Schüler mit ihrer Lehrerin Bożena Błaszczyk-Ziętek nach Paderborn. Gemeinsam bereiteten sie die Ausstellung vor. Dort ist auch nachzulesen, was die Projekteilnehmer für sich mitnahmen. Ein Schüler schreibt, dass er zwar vom Holocaust gehört habe. Jetzt sei ihm klar geworden, was da geschehen sei und dass das alles ja noch gar nicht so lange her sei. „Durch das Studium gelebter Zivilcourage soll Zivilcourage als Haltung erworben werden“, betont Schulleiter Rainer Naewe. Noch bis zum 8. Juli wird die Ausstellung in Paderborn gezeigt. Im September geht sie dann nach Polen und wird dort im Wirtschaftsgymnasium in Radom für sechs Wochen zu sehen sein.

 Das Projekt wird gefördert im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).

 Quelle: geschrieben von Michaele Pitz, Amt für Presse - und Öffentlichkeitsarbeit des Kreises Paderborn

 

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Pressestimmen:

Das NS-Terrorregime auf emotionale Art erfahren

In Lebenserinnerungen geforscht: 30 polnische und Paderborner Schüler beschäftigten sich mit der Biografie von Polen, die im Zeitraum 1933–1945 Juden vor der Ermordung retteten und sich der deutschen Besatzung widersetzten.

„Ich konnte bisher nicht verzeihen, nach den Gesprächen mit euch kann ich es. “ Es waren Gespräche wie diese, die den Schülerinnen und Schülern des Ludwig-Erhard-Berufskolleg das Gefühl vermittelten, das sie ihre selbst auferlegte Aufgabe erreicht haben.

Eine Woche lang haben sich je 15 Schülerinnen und Schüler des Berufskollegs des Kreises Paderborn und des Wirtschaftsgymnasium im Polnischen Radom mit Biografien von Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens Juden vor der Ermordung durch die deutsche Besatzung in Polen von 1939 bis 1945 gerettet haben, beschäftigt.

Sie gingen dabei der Frage nach, was diese Menschen befähigt und bewegt habe, sich dem NS-Terrorregime zu widersetzten und der Diskriminierung anderer Menschen entgegenzutreten. Das Ergebnis ihrer Arbeit wurde in einer Ausstellung unter dem Titel: „Warum haben die eigentlich nicht mitgemacht?“ zusammen gefasst und wird, zunächst im Burgsaal der Wewelsburg, gezeigt.

„Anfang des vergangenen Jahres hat uns unser Lehrer Christoph Marx gefragt, ob wir nicht an dem Projekt mitmachen möchten“ , sagte Schülerin Katharina Spieker. Ohne lange zu überlegen, stimmte sie und 14 andere Schüler und Schülerinnen zu und man machte sich daran, jede Woche zwei freiwillige Unterrichtsstunden in Kauf zu nehmen um zu erforschen, warum sich Mensch im 2. Weltkrieg in Lebensgefahr begaben, um andere Menschen zu retten. „Zunächst haben wir vorhandenes Material bearbeitet, Beweggründe ermittelt und uns sehr tief mit dem Thema beschäftigt“, erinnert sich Katarina Spieker. Ziel war es, allgemeine Erkenntnisse über Ursachen, Beginn, Formen, Methoden gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit sowie über Formen und Wege des Widerstands zu gewinnen.

Im gleichen Zeitraum haben sich auch die Schüler des polnischen Wirtschaftsgymnasiums in Radom mit dem gleichen Thema befasst. Da es bereits einen Kontakt es zu der Paderborner Bildungseinrichtung gab, reisten im April dieses Jahres die Paderborner Schüler nach Polen.

Dort wurden dann die Ergebnisse der Arbeiten ausgetauscht, Zeitzeugen, die zumeist im Raum Radom, einer Stadt rund einer Autostunde östlich von Warschau entfernt, wohnen, befragt. „Die Geschichte dieser Menschen, die oft alles verloren haben und selber nur durch die Bereitschaft anderer ihr eigenes Leben riskieren, gerettet wurden, zu befragen, das war schon sehr emotionell“, erinnert sich Katharina Spieker.

Für viele war es am Anfang sehr schwer über das Erlebte zu sprechen, aber gleichzeitig war es spürbar dass es ihnen auch gut tat ihre Geschichte jungen Menschen erzählen zu können, sagte die polnische Projektleiterin Boena Baszczyk.

Die Ausstellung wird bis zum 8. Juli im Pädagogischen Forum des Ludwig-Erhard- Berufskolleg gezeigt und geht im September nach Polen.

 

 2016 06 14 Ausstellung Judenretter

 

 (v. l.) . Museumsleiterin Kirsten John-Stucke, Boena Baszczyk, Annalena Müller, Christoph Marx, Katarina Spieker, Patnyk Bajen, und Lars Heggen

Quelle: NW, 11.06.2016 , FOTO UND TEXT: JOHANNES BÜTTNER

 

Das Projekt wird gefördert im Programm EUROPEANS FOR PEACE der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ).