Der „Crash Kurs NRW – Realität erfahren. Echt hart.“ hat am Dienstag und Mittwoch, den 04. und 05. November 2025, fast 1000 junge Menschen aufgewühlt und bewegt. Das Verkehrsunfallpräventionsprogramm der Polizei in Nordrhein-Westfalen versammelte die Schülerinnen und Schüler des Ludwig-Erhard-Berufskollegs (LEBK) sowie zahlreiche Gäste vom St. Michael Gymnasium, dem Gregor-Mendel-Berufskolleg und der Gesamtschule Elsen in der Paderborner Maspernhalle. Die Schulleiterin des LEBK, Brigitte Hoop, fasste die enorme Wirkung des Programms in ihrer Begrüßungsrede prägnant zusammen: Die Veranstaltung „berührt, erschüttert und macht nachdenklich“.
Im Kern des „Crash Kurses" stehen die schonungslosen und direkten Erfahrungsberichte derer, deren Leben durch einen einzigen, fatalen Augenblick im Straßenverkehr dramatisch verändert wurde: Einsatzkräfte der Polizei und Feuerwehr, Notärzte, Notfallseelsorger (Rettungskette) und die Unfallopfer selbst. Frau Hoop benannte die Ursachen dieser Tragödien unmissverständlich: „Ein kurzer Blick aufs Handy, ein Moment der Ablenkung, ein bisschen zu viel Tempo – und plötzlich verändert sich alles.“
Wie tief die Erlebnisse der Einsatzkräfte sitzen, schilderte Johannes Mollemeier, Brandamtmann der Feuerwehr Paderborn. Er berichtete von einem Einsatz, der sich nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt ereignete, während er gerade seinen kleinen Sohn ins Bett brachte. Am Unfallort fand er sich inmitten von fünf Schwerstverletzten und zwei weinenden Kindern wieder, die mit ansehen mussten, wie ihre Mutter von einem Auto erfasst wurde und noch an der Unfallstelle verstarb. Die Fahrerin – alkoholisiert, nach einem Weihnachtsmarktbesuch.
Mollemeier gewährte einen Einblick in die psychische Belastung, der er als Retter standhält, fand aber gleichzeitig die ernüchternden Worte: „Bilder verblassen, sonst müsste man sich irgendwann einweisen lassen".
Hauptkommissar Thomas Samuel teilte eine Erfahrung, die sich tief in sein Leben „festgefressen“ habe. Direkt vor seiner Dienststelle in Schloss Neuhaus wurde er zum Ersthelfer, als ein Mann von einem Auto angefahren wurde und noch an der Unfallstelle seinen Verletzungen erlag. Samuel war an diesem einzigen Tag Ersthelfer, Betreuer des Unfallverursachers und Überbringer der schrecklichen Todesnachricht an die Familie. Danach musste er an seinen Schreibtisch zurückkehren, um die passenden Berichte zu verfassen. Von diesem dunklen Tag bleibt ihm ein einziger, dringender Appell an die Teilnehmenden: „Seit aufmerksam, fahrt vorsichtig. Manchmal geht es schneller, als man denkt.“
Der Auftritt des Polizeiseelsorgers Klaus Krüger war für viele der Anwesenden besonders eindringlich. Sein Appell an die Jugendlichen war so klar wie emotional: „Das Leben ist toll, aber über das Leben lässt sich nicht verhandeln. Wir sind hier, weil Ihr jung seid und vor allem, weil Ihr uns wichtig seid und etwas bedeutet. Übernehmt Verantwortung für euer Leben und das eurer Freunde!"
Krüger berichtete von einem Unfall zweier junger Männer, bei dem der Fahrer leicht verletzt wurde, sein bester Freund jedoch im Fahrzeug starb. Da das Auto Feuer gefangen hatte, bot sich den Einsatzkräften ein grausamer Anblick. Krüger begleitete die Polizei zur Familie des Toten, um die Todesnachricht zu überbringen. Eindringlich schilderte er die Reaktionen der Angehörigen: Schweigen, Tränen, Schreie, Wut und Leugnung. In diesen dunklen Momenten des Beistands hilft ihm oft sein „Erste Hilfe Koffer für die Seele“, unter anderem bestückt mit Zigaretten, einem Kreuz und der Handpuppe Jonas, die Kindern beim Umgang mit dem Verlust eines geliebten Menschen hilft.
Eine der beeindruckendsten Geschichten erzählte Pascal Hilleke aus Delbrück. Der heute 35-Jährige überlebte im Jahr 2007 nur knapp einen schweren Verkehrsunfall in Salzkotten-Verne. Trotz Müdigkeit hatte er sich in der Nacht mit seinem 16-jährigen Bruder als Beifahrer ans Steuer gesetzt. Hilleke berichtete von einem Telefonat während der Fahrt, einem Stopp bei einem Schnellrestaurant und seiner damals riskanten Fahrweise. Er beschrieb, wie er ein Stoppschild ignorierte und auf regenasser Fahrbahn die Kontrolle über seinen Wagen verlor. Ab diesem Punkt fehlt Pascal jede weitere Erinnerung an das Unfallgeschehen: „Alles, was ich nun noch erzähle, kommt von meinem Bruder. Ich kann mich an nichts mehr erinnern."
Die Folgen des Unfalls waren für ihn verheerend: eine schwere Schädel-Hirn-Verletzung, Rippenbrüche und der Verlust der Milz. Nach zwei Schlaganfällen auf der Intensivstation musste er das Gehen und Sprechen neu erlernen. Mit Kampfgeist arbeitete er sich von Pflegestufe 5 zurück auf Pflegestufe 1 und hält heute Vorträge, um andere vor den fatalen Konsequenzen des Leichtsinns im Straßenverkehr zu warnen.
Die Botschaft, die aus allen Berichten tief nachwirkt, ist unmissverständlich: Verkehrsunfälle sind keine Schicksalsschläge, sondern vermeidbare Tragödien, die durch die Missachtung von Regeln verursacht werden.
Abschließend gilt ein großer Dank dem gesamten Crashkurs-Team und allen engagierten Organisatoren. Die Moderation der Veranstaltung lag in den bewährten Händen von PHK Rainer Hoberg. Seitens des Ludwig-Erhard-Berufskollegs übernahmen Fabian Stange und insbesondere August Barkhausen die Organisation. Herrn Barkhausen gebührt dabei ein besonderer Dank: Nach vielen Jahren als erster Ansprechpartner der Polizei und maßgeblichem Gestalter dieser wichtigen Veranstaltungsreihe am LEBK, war dies sein letzter „Crash Kurs“ in dieser Funktion, bevor er im Januar 2026 in den Ruhestand geht.
Gruppenfoto (vlnr):
Andreas Dorst (PHK), Rainer Hoberg (PHK), Johannes Mollemeier (Brandamtmann), Paul Soloducha (PHK), Pascal Hilleke (Unfallbeteiligter), August Barkhausen (Berufskolleg), Klaus Krüger (Polizeiseelsorge), Brigitte Hoop (Schulleiterin LEBK), Fabian Stange (Berufskolleg), Thomas Samuel (PHK)





